Arbeit und Psyche: Kann man in einer kranken Welt gesund sein?

Arbeit und Psyche - kann man in einer kranken Welt gesund sein?

Der Arbeitnehmer von heute. Im besten Fall: desillusioniert und schicksalsergeben. Im zweitbesten Fall: frustriert, genervt, müde. Im schlechtesten Fall: depressiv, erschöpft, hoffnungslos.

Ist das eine bösartige Übertreibung von mir oder eine realistische Darstellung unserer hochmodernen Arbeitswelt? Meine eigenen Erfahrungen zum Thema „Arbeit und Psyche“ sowie viele Gespräche, Artikel und Bücher führen mich zu folgender Antwort: Zweiteres stimmt. (Auch wenn es Angestellte gibt, die mit sich und der Arbeitswelt völlig im Reinen sind – hier ein interessanter Blogartikel dazu).

Aus meiner Sicht leben wir in einer kranken Arbeitswelt, in der nur noch Leistung, Effizienz, Druck und Arbeiten bis zur Selbstaufgabe zählen und in der die Menschlichkeit gern an der Garderobe abgegeben wird. Die Spielregeln in den Büros sind klar: Arschkriecher, Blender und Bücklinge werden was auf der Karriereleiter. Sensible, Freigeister und Maulaufreißer bekommen was auf den Deckel (und werden sicherlich auch nichts).

Ich habe in meinen 11 Jahren bei der Zeitung Menschen erlebt, die von mutigen, aufrechten Männern zu feigen, unterwürfigen Befehlsempfängern mutiert sind (zum Glück auch genug andere). Perfekt eingenordet, 1-A-Verwendungsmasse. Ein Traum für alle Geschäftsführer dieser Welt, deren interne Firmenphilosophie Angst und Ausbeutung ist.

Deshalb stelle ich mir 2 Fragen zu Arbeit und Psyche:

1.) Kann man in einer kranken Arbeitswelt überhaupt psychisch gesund bleiben, wenn man zu den Sensiblen, Nachdenklichen, Hinterfragenden, Nicht-10-Stunden-Belastbaren und Freiheitsliebenden gehört? Zu denen, die sich trauen, in erster Linie Mensch zu sein und erst dann Arbeitsausführungs-Gehilfe?

Antwort: Meiner Meinung nach ist das sehr schwer bis kaum möglich. Wenn ich Studien lese, dass heutzutage jeder Fünfte durch seinen Job psychisch krank wird, wundere ich mich nicht. Zwar hat solch eine Erkrankung nie ausschließlich mit dem Arbeitsplatz zu tun. Aber die Bedingungen können gewaltig dazu beitragen. Wenn du nicht ein Leben führst, das zu dir passt, dann meldet sich dein Körper irgendwann mit all den bekannten Folgen.

2.) Und wie findet man sich nach einer unfreiwilligen Auszeit wieder in der Arbeitswelt zurecht? Kann man nach einer längeren Krankheit, zum Beispiel durch Depression oder Angsterkrankung, einfach so weitermachen wie vorher? Oder ist nun der große Einschnitt im Leben fällig?

Antwort: Das ist eine der schwierigsten Fragen des Lebens. Ein Prozess, der am meisten Angst einflößt und weh tut. Zumindest denen, für die sich die Frage überhaupt stellt. Denn laut Statistiken arbeiten nur 10 Prozent aller Menschen, die schon einmal wegen einer schweren psychischen Erkrankung länger ausgefallen sind, noch in regulären Jobs Voll- oder Teilzeit.

Als ich diese Zahl vorher bei meiner Recherche gelesen habe, bin ich erschrocken. Augenscheinlich gibt es zwar jede Menge Jobs, die Menschen psychisch krank machen. Aber kaum Arbeitsplätze, an denen diese Menschen später noch gebraucht werden. Oder an denen sie es nach ihrer Rückkehr dauerhaft aushalten können.

Show must go on am alten Arbeitsplatz

Wenn ich es nicht am eigenen Leib erfahren hätte, würde ich das wahrscheinlich nicht glauben. Du denkst insgeheim, dass dein Chef an deiner psychischen Gesundheit interessiert sein müsste. Oder deine Kollegen nun etwas nachsichtiger bezüglich deiner Belastungsfähigkeit sind (meine Kollegen waren das, aber ich kenne sehr viele Fälle, in denen das niemanden interessiert hat). Doch letztlich bist und bleibst du nur ein Rädchen im Getriebe. Show must go on. Falls du die Party nicht mehr mitfeiern willst, musst du eben gehen.

Die schlechte Nachricht für alle, die zurückkehren und trotz allem bleiben: Sie sind angezählt. Du bist der oder die mit dem Hau weg. Kann man dir bei verantwortungsvollen Projekten wirklich über den Weg trauen? Oder bist du der große Unsicherheitsfaktor, der jederzeit wieder ausfallen kann? Egal, ob du dich vollständig geoutet hast oder nur ein Teil der Kollegen Bescheid weiß und alle anderen tuscheln: Es wird nicht mehr so sein wie vorher.

Allein schon deshalb, weil du höchstwahrscheinlich nicht mehr so leistungsfähig bist wie früher. Und genau weißt, dass du auf dich und deine Energiereserven achten musst. Aber a) interessiert das in der Regel niemanden und b) wirst du dazu neigen, dir mehr aufzuladen, als dir gut tut. Schließlich ist doch in uns allen tief verwurzelt, dass wir vollwertige Mitglieder der Leistungsgesellschaft sein wollen. Und schon fängt die Spirale schon wieder an, sich zu drehen …

Doch was tun?

Ich sehe einen klaren Trend (auch wenn ich dazu keine belastbaren Zahlen habe): Viele Menschen nehmen ihr Schicksal in die eigene Hand. Sie schmeißen hin, flüchten aus den verhassten Jobs, weil sie nicht mehr können und wollen. Manche rechtzeitig, viele erst, wenn ihre Psyche ihnen Signale gegeben hat, die sie nicht mehr übersehen konnten.

Ich beobachte diese Entwicklung mit Spannung und Freude. Sie ist so ein wunderbarer Gegenpart zu „Mein Haus, mein Auto, mein Segelboot“. Die neue Losung lautet: „Meine Zeit, meine Gesundheit, meine Freiheit“.

Den super einfachen Weg in die Selbstständigkeit oder zum besser passenden Job gibt es leider nicht. Ich lese immer sehr gerne über die Entwicklung von Menschen, die aufgebrochen sind. Über ihre Fortschritte und Rückschläge. Je ehrlicher, desto besser. Wie diesen Artikel von Sarah von verwandert oder diesen Beitrag von Suzanne von free your work life oder diesen hier von wendungsReiche Kommunikation.

Ins Meer der Unsicherheit gestürzt

In der Blogger-Szene gibt es noch viele weitere Beispiele von Menschen, die ihr Leben umgekrempelt haben und sich nun in das Meer der Unsicherheit stürzen. Wahrscheinlich gäbe es nicht halb so viele gute Blogs, wenn nicht so viele Leute psychisch erkrankt wären und danach in ihrem Leben kaum mehr ein Stein auf dem anderen gelassen haben.

Doch warum tun die das? Und wie bitteschön kann man denn den Mut aufbringen, seinen Job zu kündigen und/oder sich selbstständig zu machen, wenn man so viel Angst hat oder depressiv ist?

Einfache Antwort: Weil sie sich alle fragen, was wirklich wichtig im Leben ist und was sie für ein besseres Leben eigentlich brauchen. Plötzlich steht das Materielle nicht mehr im Mittelpunkt. Sondern der feste Wille nach einem (Arbeits-)Leben, das wirklich zu einem passt.

Letztlich ist es ja immer die eine, entscheidende Abwägung: um der angeblichen Sicherheit und des festen Gehalts wegen weiter leiden oder (erst einmal) Nachteile in Kauf nehmen und dafür Gesundheit und Freiheit gewinnen.

Soll sich jetzt jeder psychisch Kranke selbstständig machen?

Ähm, nächste Frage bitte! Nein, im Ernst: Ich sehe für Menschen, die dank therapeutischer Unterstützung wieder arbeiten können und wollen, wirklich eine große Chance in einer wie auch immer gearteten Selbstständigkeit. Vielleicht denkst du die ganze Zeit beim Lesen: „Das ist doch ein viel zu krasser Schritt. Das schaffe ich nie.“

Da halte ich entgegen: Wenn ich das geschafft habe, dann schaffen das viele andere auch. Ich sehe es sogar langfristig als die beste Möglichkeit zur vollständigen Gesundung, wenn du nicht mehr die Arbeit machen musst, die dich krank gemacht hat.

Und du kannst endlich deinen Arbeitsrhythmus dem Rhythmus deines Körpers anpassen. Du kannst flexibel mit deinen Hochs und Tiefs umgehen und musst niemanden um Erlaubnis fragen, wenn du einfach mal ein paar Tage aussetzen willst. Diesen Punkt hatte ich damals bei meiner Entscheidung gar nicht auf der Rechnung. Im Nachhinein gesehen ist er sogar der wichtigste. So konnte ich mir während der Absetzsymptome beim Ausschleichen der Antidepressiva die nötige Ruhe gönnen. In keinem Job der Welt hätte ich diese Möglichkeit gehabt. Wer weiß, ob ich das Teufelszeug je losgeworden wäre, wenn ich mir da nicht die entsprechende Zeit hätte gönnen können.

Meine wichtigsten Pluspunkte, die meinen Übergang erleichtert haben:

  • Ich bin bereit, mich erst einmal auf das Nötigste zu beschränken (incl. Konsumstreik)
  • Ich habe die feste Gewissheit, dass alles Kommende besser wird als das, was war (und werde niemals müde, mein Wort für artgerechte Menschenhaltung in Betrieben zu erheben).
  • Ich stelle meine Gesundheit an die vorderste Front aller Überlegungen und Entscheidungen.
  • Ich habe gerne weniger Geld, wenn ich dafür Zeit und Freiheit genießen kann.
  • Ich habe genug Fantasie, um mir ein dauerhaftes Leben ohne festen Arbeitsplatz vorstellen zu können.
  • Ich bin bereit für Veränderungen – ganz egal, wie groß diese sein werden.

Eine kurze Geschichte zum Schluss

Vor wenigen Tagen saß ich nachmittags an einem gewöhnlichen Werktag auf einem Baumstumpf in der Sonne und las bestimmt zum dritten oder vierten Mal das Buch „Die Fuck-it-Lösung“, in dem es um die Befreiung aus dem inneren Gefängnis geht. Nicht nur wegen der Sonne wurde mir warm ums Herz. Sondern weil ich festgestellt habe, wie weit ich seit dem letztmaligen Lesen des Buches wieder vorangekommen bin. Definitiv ein Werk, das mein Leben verändert hat.
Ich fühle mich in der kranken Arbeitswelt gerade ziemlich gesund.

Foto: Unsplash.com

Wie waren deine Erfahrungen in der Arbeitswelt bisher? Hast du Ähnliches erlebt wie ich? Und standest du oder stehst du auch vor der Entscheidung, dich für oder gegen einen Job entscheiden zu müssen, der dir nicht gut tut? Ich bin sehr gespannt und freue mich auf deinen Kommentar!

55 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Mischa,

    danke für die Verlinkung.

    Ich fühle mich manchmal unwohl, wenn ich mir bewusst mache oder mir bewusst gemacht wird, wie sehr ich wohl eine Ausnahme lebe. Und frage mich immer, wann fällt jemand auf, dass es mir in meinem Job zu gut geht?! Das ich Freiheiten habe, die ich genieße, das ich Aufgaben habe, die ich liebe und das ich Kollegen habe, die mich täglich zum Lachen bringen. Eigentlich warte ich nur darauf, das jemand auffällt, dass das ein Systemfehler ist und das dann alles anders wird.

    Dieser Tag X ist übrigens auch eine Blogmotivation. Ich habe meinen Blog zwar bisher gar nicht monetarisiert, glaube aber fest, dass er zumindest eine ansehnliche Visitenkarte wäre, wenn Tag X kommen sollte.

    Gleichzeitig drücke ich die Daumen, dass noch viele Arbeitgeber kapieren, wo die Chancen in der Arbeitswelt liegen und wie sehr die intrensische Arbeitsmotivation die Beste ist und wie es sich lohnt, diese zu fördern und zu pflegen. Und das ich damit Tag X nie erlebe.

    Ich finde es toll zu lesen, wie du hier Fortschritte machst, dich öffnest und dich preisgibst. Wahrscheinlich verfolge ich es besonders interessiert, weil Journalist mal mein Ursprungstraumjob war und der Blog zu Beginn nur eine Befriedigung des noch offenen Traumes nach Texten, die bewegen, war.

    Ich freu mich schon auf all deine weiteren Berichte und hoffe, es finden sich in den Kommentaren noch ein paar Ausnahmen. In meiner Blogparade (dessen Auswertung hoffentlich wenigstens mal an Weihnachten kommt) gab es ja auch ein paar, die glücklich sind.

    Alles Liebe
    Tanja

    • Hi Tanja,

      ich freue mich immer, wenn ich dich als Quoten-Frau zitieren darf. Bald kommst du wahrscheinlich ins Fernsehen „Das ist doch die eine zufriedene Arbeitnehmerin in Deutschland“ 😉

      Gebe dir bei deinen Ausführungen völlig recht und hoffe mit dir, dass du den Tag X gar nicht erleben musst. Ich wollte das ja auch nie …

      Vielen Dank, dass du meine Geschichte hier verfolgst und immer wieder klasse Kommentare beisteuerst.

      Ganz liebe Grüße

      Mischa

      • Hi Mischa,

        und zack wären wir auch wieder beim verfolgen. Ich weiß schon, warum ich kürzlich vom folgen und verfolgen schrieb. Erwischt 😉

        Bei all den Blogbeiträgen zur unglücklichen Arbeit, würde mich eine Sendung a la „Wo sind sie – die glücklichen Arbeitnehmer?“ nicht mal wundern. …

        Tag X will wohl niemand erleben. Schade, dass er immer wieder kommt. Hatte da auch auf der DNX ein spannendes Gespräch mit einem, der einfach nur suchend war, weil nach über 20 Jahren Tag X mit einem neuen Chef kam. Sehr unschön.

        Alles Liebe
        Tanja

        PS … und danke für deine lieben Worte zu den Kommentaren. Freu!

  2. Hallo Mischa,

    vielen Dank – für die nette Erwähnung, aber ganz besonders für diesen Artikel, mit dem Du bei mir mit fast jedem neuen Absatz ein heftiges Nicken ausgelöst hast.

    Ich kann Dir nur beipflichten: Große Teile der Arbeitswelt sind tatsächlich krank. Weil sie eine kapitalistische Sichtweise auf den Menschen pflegen und keine menschliche. Es wird einfach versucht, das Maximum an Output für das investierte Gehalt rauszuholen.

    Ich für meinen Teil habe beschlossen, die Hoffnung noch nicht aufzugeben und bin daher noch fröhlich auf der Suche nach einem guten Arbeitgeber, bei dem ich sein kann, wie ich bin. (Vor allem aus der Erfahrung heraus, dass es früher für mich schon einmal so war.) Aber nebenberuflich strecke ich meine Fühlerchen auch schon in Richtung Selbstständigkeit aus.

    Ich finde Deinen Weg da auch sehr ermutigend und kann Deine „Pluspunkte“ für die Selbstständigkeit nach meiner Auszeit, in der ich sehr viel an meinem Blog gearbeitet habe, alle nur unterschreiben.

    Danke für diesen mal wieder sehr wahren und ermutigenden Artikel 🙂

    Alles Liebe
    Suzanne

    • Hi Suzanne,

      gern geschehen! 🙂

      Und es gibt durchaus Tage, an denen ich mein früheres Büro, meine Kollegen, die gewohnten Abläufe, komplett freie Wochenenden, etc. zurücksehne. Ich finde das Angestelltensein auch nicht schlimm, nur die Rahmenbedingungen in den meisten Firmen schon. Spätestens, wenn mir die Ex-Kollegen von der Arbeit erzählen, bin ich wieder geheilt und weiß, dass ich alles richtig gemacht habe 😉

      Dir alles Gute auf der Suche und beim Fühlerchen ausstrecken

      Liebe Grüße

      Mischa

  3. Lieber Mischa!
    Eine kritische Sichtweise und ich würde vermutlich kommentieren, dass sie übertrieben ist, wenn ich es nicht besser wüsste. In meinem Bekanntenkreis höre ich zur Zeit fast nur von Arbeitstagen mit 10 Stunden + und ausgebrannten, erschöpften Menschen. Personen, die unglücklich sind.
    Auch im Gesundheitssystem findet viel Ausbeutung statt – Psychotherapeuten in Ausbildung stehen nun für PIA Psychotherapeuten in Ausbeutung.
    Ich selbst überdenke gerade stark meinen Berufswunsch, denn die Gesundheit sollte immer die erste Priorität sein- nicht das Geld und manchmal nicht einmal die eigenen Träume. Damit meine ich die Kluft zwischen Interesse und Arbeitsalltag. Im journalistischen Bereich ist es bestimmt auch so – genauso wie in Krankenhäusern, Psychiatrien und so weiter….
    Ich hoffe trotzdem auf eine neue Arbeitskultur und auf Unternehmen, die auf Flexibilität und Entlastung der Mitarbeiter setzen.
    Lg, Moni

    • Hi Moni,

      ich hatte mir auch überlegt, ob ich das alles etwas netter formulieren soll. Aber leider gibt das die Realität der meisten Menschen, mit denen ich rede, eben nicht her. Und das Schlimme ist, dass die Menschen so früh schon unglücklich sind, wie du ja in deinem Bekanntenkreis mitbekommst.

      Gut, dass du den Journalismus erwähnst. Wenn die Leute da draußen im Detail wüssten, wie der ach so freie und unabhängige Journalismus in echt aussieht, dann würden sie noch schneller ihre Abonnements kündigen, als sie das eh schon tun.

      Liebe Grüße
      Mischa

  4. Lieber Mischa,

    „Wahrscheinlich gäbe es nicht halb so viele gute Blogs, wenn nicht so viele Leute psychisch erkrankt wären und danach in ihrem Leben kaum mehr ein Stein auf dem anderen gelassen haben.“

    Hierin erkenne ich mich aber sowas von wieder. Ich bin auch „damaged goods“, meine Kollegen sind echt bemüht, auch darin, mich das nicht merken zu lassen, aber ich bin die mit den Depressionen, die Kranke.

    Ich finde es aufrichtig schade, in einer Gesellschaft aufgewachsen zu sein, in der das Einzelwohl und die Individualität so wenig zählen. In der wir gleichgeschaltet werden und funktionieren sollen und die uns aussortiert, wenn wir nicht mehr in DIE eine Schablone passen, die für uns vorgesehen ist. Das klingt jetzt furchtbar negativ, aber es hat auch was schönes an sich.

    Nämlich den Moment, in dem Du selbst anfängst, endlich wieder bunt, statt grau zu sehen. Dich für Deine Einzigartigkeit zu lieben beginnst und feststellst, dass Du nie in diese Schablone hättest gepresst werden müssen. Dass das alles auch viel leichter hätte sein können, aber Dich gerade der holprige, kurvige, steile Weg an den Ort bringt, an dem Du heute bist.

    Ich hätte mir vor meiner Diagnose niemals träumen lassen, dass ich ein Jahr später mit 2 Blogs und einem Herzensprojekt da stehe und mein Leben völlig umkremple. So schwer es ist, mit dieser psychischen Krankheit zu leben, ohne sie wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. Und irgendwie bin ich dankbar dafür.

    Danke für diesen Artikel.
    Andrea

    • Hi Andrea,

      das hast du wunderschön geschrieben, vielen Dank dafür!

      Ja, wir sind die Verrückten und können verdammt stolz drauf sein. Wir spüren uns noch, auch wenn das, was wir spüren, manchmal sehr schmerzhaft ist. Genau wie du bin ich auch absolut dankbar für meine Krankheit und was sie mich bezüglich des Lebens gelehrt hat.

      Viel Erfolg mit deinem Herzensprojekt und alles Liebe
      Mischa

  5. Lieber Mischa,

    irgendwie fühle ich mich als Noch-Festangestellter, der gerade beschlossen hat sich mit seinen verrückten Ideen selbsständig zu machen, von diesem Beitrag ganz besonders angesprochen. So sehr, dass ich endlich mal den Mut aufbringe, mich in dein Kommentarfeld zu begeben. Danke dafür, dass du uns jede Woche wieder neu dazu inspirierst ein Leben zu führen, indem die Angst gegenüber der Freiheit den Kürzeren zieht.

    Muchas Gracias

    Gregor

    • Hola Gregorio,

      de nada! 🙂 Vielen Dank für deinen Kommentar und das Lob!

      Ich wusste gar nicht, dass man so mutig sein muss, um bei mir zu kommentieren 😉 Aber wenn das für dich eine kleine Hürde war, dann hast du sie souverän übersprungen. Bin gespannt auf deine verrückten Ideen.

      Liebe Grüße
      Mischa

  6. Hallo Mischa,

    ein sehr wahrer Artikel – auch ich musste beim Lesen heftig Nicken. In meinem Arbeitsumfeld habe ich auch schon mehrere solcher Fälle erlebt, in denen die Leute zwar wiedergekommen sind, aber danach schief angeschaut wurden.

    Ich selbst hatte letztes Jahr auch ein depressive Phase, die aber nicht durch den Job augelöst wurde. Ich habe es damals im Job verheimlicht und mein Chef hat auch nicht nachgefragt, warum genau ich sechs Wochen im „Krankenhaus“ war… da ich nebenbei noch studiere, fiel es den anderen Kollegen auch nicht auf…

    Und was soll ich sagen, jetzt wo es mir wieder gut geht, habe ich mein eigenes Business hochgezogen, weil ich durch die Therapie zu mir selbst gefunden habe und jetzt weiß, was ich wirklich will. Und das ist kein 9-to-5-Job!

    Stattdessen möchte ich jungen Menschen helfen, sich besser kennenzulernen und das Leben zu führen, das sie wirklich leben wollen. Und das sie eben nicht psychisch krank macht. Dazu gehört für mich auch, einen Jobe zu haben, in dem man sich wohl fühlt, etwas Gutes tun und die eigenen Leidenschaften ausleben kann. Wie die Arbeitswelt dann aussehen könnte, habe ich mir auch schon mal ausgemalt: http://lebe-ohne-grenzen.de/mit-leidenschaft-die-welt-veraendern/

    Ich hoffe, dass wir alle zusammen noch mehr Menschen dazu bewegen können, das zu tun, was sie lieben, ohne erst psychisch krank werden zu müssen.

    Beste Grüße
    Steffi

    • Hi Steffi,

      wahrscheinlich war das damals sogar sehr gut, das zu verheimlichen. Ich habe das ja auch viele Jahre getan. Hätte ich bei meiner ersten schweren Depression schon die Karten auf den Tisch gelegt, wäre ich nach dem Volontariat sicher nicht übernommen worden.

      Ich finde es klasse, dass du jetzt dein eigenes Ding machst und mit zur Veränderung beiträgst. Viel Freude und Erfolg dabei! Und jetzt lese ich mir erstmal deinen Artikel durch 🙂

      Liebe Grüße

      Mischa

  7. Hi Mischa,

    es ist weniger meine Aufgabe an sich sondern die Vorgaben, die mich kaputt machen. Leistung gehört zu einem Job, das steht außer Frage, aber eine ständige Überforderung demotiviert so dermaßen, dass es einem echt vergeht. Von daher bin ich aktuell daran, das Umfeld zu wechseln. Bisher leider nicht von Erfolg gekrönt, aber ich bleibe dran.

    Umso mehr freue ich mich, wenn ich meine Überstunden in Anspruch nehme (getreu dem Motto: „Ist mir egal, was andere denken oder sagen! Jetzt geht es um mich!“), und mal um 15:30 (freitags auch mal 12 Uhr) Feierabend mache. Nichts besseres, als mit der Freundin und/oder einem guten Buch den Feierabend auf der Couch zu verbringen.

    Diese kleinen Auszeiten können schon sehr hilfreich sein, wieder die innere Ruhe und Balance zu finden. Aber auf Dauer (immerhin sieht die Arbeitswelt noch 40 Jahre Schaffenszeit für mich vor [vielleicht]) wird es definitiv so nicht gehen. Daher bin ich mal gespannt, wann ich den Absprung bzw. die Veränderung schaffe.

    Liebe Grüße
    Christoph

    • Hi Christoph,

      du sprichst einen ganz wichtigen Punkt an, den ich im Text auch angedeutet habe: Die Arbeitnehmer selbst trauen sich oft noch nicht einmal, ihre Rechte in Anspruch zu nehmen und beispielsweise Überstunden auch abzufeiern. Und lieber maulen sie über den, der das tut, anstatt das kollektiv auch zu tun. Damit wäre es dann Normalität. Finde ich klasse, dass du dir keinen Kopf drüber machst und dir konsequent die zustehende Zeit nimmst.

      Ich wünsche dir viel Erfolg beim Umfeld wechseln.

      Liebe Grüße

      Mischa

  8. Hallo Mischa,

    ein echt guter Artikel. Zunächst dachte ich die ganze Zeit „Ja ja, alles richtig. Aber warum sind immer so einseitig alle anderen Schuld? (Lassen wir „Schuld“ stehen weil mir kein besseres Wort einfällt)

    Und dann hast du den geschrieben: „Ich bin bereit für Veränderungen – ganz egal, wie groß diese sein werden.“ Dies sei eine Vorraussetzung.

    Und da war es:
    Das zustimmende Nicken, die innerliche Unruhe daran zu denken welche Änderungsprozesse vor einem stehen, die Angst vor dem Unbekannten die meiner Erfahrung nach so richtig auch nie verschwindet. Und das ist wahrscheinlich sogar gut so.

    In meiner „Krankengeschichte“ waren es immer bestimmte Trigger die eine Angst- und Panikattacke ausgelöst haben. Noch heute kenne ich nicht alle. Auch heute noch bekomme ich (vermutliche bei immer noch den gleichen Triggern) das Gefühl das etwas nicht stimmt.

    Mit der Bereitschaft viele Dinge auf den Prüfstand zu stellen und der Erfahrung den Sprung gewagt zu haben ist es heute möglich dieses „Gefühl“ schnell wieder in den Griff zu bekommen.

    Ich möchte eigentlich alle die bereit sind sich deiner Frage zu stellen dazu ermutigen die entsprechenden Schritte zu gehen. Der erste ist da sicherlich der schwerste…

    Gruss von der Insel

    Markus

    • Hallo Markus,

      vielen Dank für deinen hilfreichen Kommentar!

      Von Schuld spreche ich grundsätzlich nie, da ich das Wort aus meinem Wortschatz gestrichen habe. Bei der Frage nach Ursache und Wirkung der von mir beschriebenen Zustände, gibt es viele Faktoren: Raubtierkapitalismus, ungezügelte Konsumsucht, Erziehung, Leistungsdenken und natürlich auch die Bereitschaft jedes einzelnen, in Jobs zu bleiben, die ihm nachweislich nicht gut tun. Insofern sehe ich bei allem Wunsch nach Veränderungen in der Wirtschaftswelt schon die Verantwortung der Betroffenen, gut zu sich zu sein und bei untragbaren Zuständen Veränderungen einzuläuten.

      Super, dass du dir eine neue Einstellung für Veränderungen geschaffen hast und davon beim Angst-Thema profitierst. Das deckt sich mit meinen Erkenntnissen, dass du durch das mutige „Auf den Prüfstand stellen“ so viele Erfahrungen machst, die dir später in kritischen Situationen helfen.

      Viele Grüße auf die Insel (wohin genau?)

      Mischa

  9. Hallo Mischa,

    du hast mir mit deinem Artikel aus dem Herzen gesprochen.
    Bezugnehmend auf deine Einführung war ich ein Arbeitnehmer im schlechtesten Fall.
    Ich habe viel zu lange die Zähne zusammengebissen und wollte durchhalten – für meine Familie (wir haben unterhaltspflichtige Kinder ) und meine Patienten. Bis gar nichts mehr ging und Körper und Seele rebellierten.
    Ich wollte niemanden im Stich lassen, dabei habe ich mich selbst am allermeisten im Stich gelassen.
    Jetzt habe ich meinen Job gekündigt und betrete Neuland. Viele sagen zu mir, dass sie meinen Mut bewundern. Es war eher eine Notwendigkeit, als Mut. Zurück in die alten Strukturen zu gehen, hätte viel mehr Mut erfordert. Dort gab es kein Miteinander der Kollegen, weil jeder irgendwie um sein eigenes Überleben kämpfte. Zudem sind besonders im Gesundheitswesen (wenn du nicht gerade auf einer psychiatrischen oder psychosomatischen Station arbeitest) Depressionen sehr geächtet. Da gibt es wenig Verständnis für psychische Erkrankungen , was sicher zu einem großen Teil an der Überlastung der Mitarbeiter liegt.
    Auch wenn ich noch nicht weiß, wohin mein Weg mich letztendlich führen wird – ich habe jetzt einen enormen Zuwachs an Energie, Lebensfreude und Kreativität. Natürlich bleiben Ängste nicht aus, aber ich kann jetzt anders damit umgehen indem ich gut für mich sorge. Und indem ich Mischas Artikel lese.

    • Hi Sabine,

      ich kann mir gut vorstellen, in welcher Zwickmühle du warst, da es schließlich auch noch um die Versorgung deiner Kinder ging.

      Die Sache mit dem Mut vs. Notwendigkeit war bei mir ganz genauso. Wenn es nicht mehr schlechter werden kann, dann fällt das Neue einfacher.

      Ich freue mich für dich, dass du einen positiven Schub bekommen hast und gut auf dich acht gibst. Wenn meine Artikel dabei helfen, umso schöner 🙂

      Ganz liebe Grüße
      Mischa

  10. Hoi Mischa,
    ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, wenn ich deine Euphorie ein ganz klein wenig bremse.
    Ich selbst war nämlich bereits seit 8 Jahren selbstständig, als ich in den Burn Out gerutscht bin. Und ich war keineswegs die einzige Selbstständige in der Burnrout Gruppe in der Klinik.
    Kunden können in Sachen Druck mindestens genauso grausam sein wie Chefs und die äußeren Rahmenbedingungen sind meiner Erfahrung nach gar nicht so wichtig, sondern das Ändern der eigenen Einstellung ist wichtig.

    – Nein zur Selbstausbeutung
    – Nein überzogenen Anforderungen von Kunden
    – Nein zur Angst, Kunden zu verlieren, wenn man mal nein sagt.

    Das sind meines Erachtens die wesentlichen Punkte. Wenn du „Kunde“ durech „Chef“ bzw. „Arbeitsplatz“ ersetzt, gilt für burnoutgefährdete Angestellte dasselbe wie für burnoutgefährdete Selbstständige.

    Liebe Grüße
    Astrid

    • Hi Astrid,

      ich nehme dir überhaupt nichts übel. Und du hast völlig Recht mit deinem Kommentar. Ich hatte meinen Artikel jetzt auch gar nicht als so euphorisch gesehen.

      Was du beschreibst, ist richtig, mit einem Unterschied der beiden Varianten: Als Angestellter kann ich nicht Nein sagen, als Selbstständiger darf ich das. Ja, es liegt an mir und meiner Einstellung. Aber genau diese habe ich ja durch meine Krankheit gelernt zu verändern. Weil ich weiß, wie ungesundes Arbeiten aussehen kann, ziehe ich meine Schlüsse daraus. Und jetzt bitte einmal herzlich lachen: Ich habe schon nach 3 Monaten, als ich noch kaum was verdient habe, zum ersten Mal einem Kunden abgesagt, weil ich gemerkt habe, was er für ein Energieräuber ist.

      Und wenn ich mich bei meinen Ausgaben auf das Wesentliche beschränke (und ich habe ja sogar noch den Luxus eines VW-Busses, von dem ich nicht wusste, ob ich mir den auf Dauer leisten kann), dann habe ich nicht diesen Druck, unglaublich viel verdienen zu müssen. Ich sehe, dass immer mehr diesen Weg einschlagen und sich deshalb nicht selbst ausbeuten müssen (an manchen Tagen bleibt das zugegebenermaßen nicht aus).

      Liebe Grüße
      Mischa

  11. Hallo Mischa,
    da hast Du mal wieder „einen rausgehauen“ 😉
    Nee, im Ernst, das sind die Beiträge, die ich gerne zwei-, dreimal durchlese und auch kommentiere.
    Ich habe in der Vergangenheit dreieinhalb Jobs (Medienbranche) unverschuldet verloren, nachdem ich mich meistens 120 % reingehängt hatte. Einmal nach einer längeren Rückenkrankheit, dann durch Insolvenz, Rationalisierung und Projektende.
    Ich habe nicht selten über Selbständigkeit nachgedacht, aber ehrlich gesagt, ich wusste nie so recht, womit. Das, was ich gerne mache, ist brotlose Kunst, aber die Hunderter für die eigene Sozialversicherung sollten ja schon pro Monat rumkommen.
    Ganz ehrlich, es klingt immer unheimlich verlockend und spannend, wenn Leute alles hinschmeissen und etwas Eigenes anfangen, aber es ist definitiv nicht jeder so risikobereit. Es ist auch nicht jeder der Typ, sich selbst gut zu vermarkten und ohne PR läuft es nicht. Wenn ich es nicht selbst kann oder will, muss ich jemanden beauftragen, was wieder Geld kostet.
    Was ich oft beim Lesen einiger „Ich-mach-jetzt-mein-eigenes-Ding-Blogs“ vermisse (nicht unbedingt bei Dir), sind mal die Kosten, die auf mich zukommen, wenn ich mich selbständig mache. Wieviel Umsatz im Monat muss ich machen, dass ich nicht nach Abzug aller Kosten im Minus bin. Wieviel Klinken muss ich putzen, wieviele Stunden muss ich aufwenden, um die Fixkosten zu decken und mir noch Butter für’s Brot kaufen kann.
    Ich glaube schon, man kann auch in einem Angestellten-Verhältnis zufrieden sein und das sage ich trotz aller meiner negativen Erfahrungen. Wenn es denn ein Job ist, der einem grundsätzlich Freude macht und man keine selbstverliebten, gefühlskalten, arroganten Ar***loch-Chefs hat. Doch, ja, ich denke, das gibt es 😉
    Für mich stelle ich mir einen stundenreduzierten Job vor, der mir genug Freiraum lässt, meiner „brotlosen Kunst“ nachzugehen, denn wenn ich davon leben müsste, würde mir die Freude daran wohl bald vergehen. Diesen Job muss ich jetzt nur noch finden 😉

    Lieben Gruß
    Conny

    • Hi Conny,

      ich habe keinerlei Zweifel, dass man in Angestellten-Jobs zufrieden sein kann. Und ich würde mir wünschen, dass es viel mehr von diesen gäbe. Mein Artikel ist ja auch keiner dieser „Raus aus dem Hamsterrad“-Appelle, sondern eher die Frage, welche Arbeit für mich überhaupt noch in Frage kommt, wenn ich schon einmal psychisch schwer krank war.

      Für mich wäre es zum Beispiel auch okay gewesen, immer ein paar Monate in klassischen Brotjobs zu jobben und dann wieder Pause zu machen. Nur zurück ins Büro und dort jeden Tag abhocken konnte ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen. Es geht also gar nicht so sehr um die Frage Selbstständigkeit oder angestellt, sondern eher um die Fantasie in Bezug auf deine Arbeit. Und da halte ich mir auch immer noch alle Optionen offen. Als surfender Buchautor in Portugal am Strand oder als Schlittenhunde-Guide in Lappland – alles ist jederzeit möglich 🙂

      Liebe Grüße
      Mischa

  12. Es ist wie stets im Leben. Auch diese Medaille hat zwei Seiten. Und es ist immer eine individuelle (Seelen-)Entscheidung. Ich habe beides erlebt. Die Erfüllung eines Traumes „im System“, aber auch das Sterben dieses Traumes nach der Fusion des Unternehmens. Nun lebe ich einen neuen Traum in der Selbstständigkeit. Doch auch dies ist ab und an ein Albtraum.
    Seid nicht leichtsinnig in Euerer Entscheidung, seid nicht kopflos oder überstürzt. Schaut Euch an, ob es ein „Sowohl-Als auch“ gibt, über das emotionale „entweder-oder“ hinaus.
    Überall ist Licht und Schatten. Das eigene Herz, die eigene Seele steht als Seismograf stets zur Verfügung….und sollte genutzt werden.

    • Hi Wolfgang,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Licht und Schatten gehören zum Leben. Licht und Schatten gibt es auch bei mir im dauernden Wechsel. Und wer hier regelmäßig liest, weiß auch, dass ich keine heile Welt vorgaukle.

      Nur ist eben diese neue Welt für mich in der Summe aller Faktoren die wesentlich besser für mich als meine alte. Das fühle ich mal stärker und mal schwächer, aber ich fühle es immer, dass es gut so ist.

      Einen Albtraum habe ich bisher zum Glück noch nicht erlebt. Vielleicht auch, weil ich mich fest weigere, an einen zu glauben und ein gnadenloses Vertrauen darauf habe, dass sich die Dinge positiv entwickeln.

      Liebe Grüße
      Mischa

  13. …aus dem „System“ entfliehen
    …etwas „Neues“ wagen
    …selbstbestimmt leben und arbeiten

    das dies, und vieles mehr erstrebenswert erscheint, kann ich gut nachvollziehen. Selbstständig und selbstbestimmt zu Leben mag in Form einer OneMan- resp. OneWoman-Show vielleicht auch noch gehen, um eine Person, nämlich sich selbst, zu versorgen. Ist höchst wahrscheinlich aber hierfür schon schwierig genug.

    Wenn aber eine Familie da ist, mit Kindern und deren wachsenden Bedürfnissen und Ansprüchen, dann wird es superschnell eng. Und wenn zu der selbstständigen Tätigkeit Angestellte hinzukommen, für deren Einkünfte auch noch Verantwortung zu tragen ist, bleibt von dem Traum eines selbstbestimmten Lebens wenig übrig. Ich bin seit über 17 Jahren selbstständig und weiss, wovon ich rede.

    Vor meiner Selbstständigkeit arbeitete ich auch in einem Angestelltenverhältnis, welches mir berufsinhaltlich durchaus entsprach. Allein die dauernenden Grabenkämpfe haben micht genervt. Ich sah den Ursprung vieler Zwänge nicht unbedingt bei den Abteilungsleitern, Chefs oder Vorgesetzten. Vielmehr war es der ständige Leistungsvergleich zwischen den gleichgestellten Mitarbeiter, die das Rad am Drehen hielten. Und natürlich auch der ungezügelte Aufstiegswille einiger „Kollegen“ deren Verhalten dann alles andere als kollegial war. Insgesamt ging es mMn viel zu wenig um die eigentliche Arbeit resp. das gemeinsame Ziel/Projekt. Diese Dinge führten mich damals in die Selbstständigkeit. Aber ich tauschte den Teufel mit dem Beelzebub.

    Mittlerweile habe ich gelernt, mich mit den Dinge zu arrangieren. Ich ärgere mich nicht mehr über die Menschlichkeiten, die ich ohnehin nicht ändern kann. Vielmehr betrachte ich die wechselhaften Erlebnisse mit einer großen Portion Humor. Meistens, jedenfalls. Manchmal aber vermisse auch ich das einfache, unbeschwerte Leben, welches ich als Student bzw. Angestellter hatte, und dann denke ich über mögliche Veränderungen nach. Aber bedeutet dies letzlich nicht wieder nur „zurück auf Los“?

    VG, Dieter (selbstständig & 3-facher Vater)

    • Hallo Dieter,

      vielen Dank für deinen Kommentar und deine Sichtweise der Dinge. Ich kann das alles sehr gut nachvollziehen. Aber dass alles, was ich beschrieben habe, nur als One-Man-Show geht, stimmt definitiv nicht. Da habe ich schon zu viele Geschichten gelesen von ganzen Familien, die sich aus dem alten Trott befreit haben und wirklich selbstbestimmt leben. Möglich ist das, nur ist halt die Frage, was du auf dem Weg dorthin bereit bist zu opfern. Den meisten ist der Preis für eine Veränderung einfach zu hoch.

      Dein letzter Absatz gefällt mir besonders gut. Wir glauben alle, dass wir durch das viel Geld, unseren Status & Co so viel besser dastehen als damals als Studenten. Und dann merken wir, dass ein unbeschwertes Leben mit viel Freude nicht zwingend etwas mit der Höhe des Verdiensts zu tun hat. Zurück auf Los? Warum nicht, wenn mir das Spiel aktuell nicht mehr gefällt? Letztlich entscheiden sich doch die meisten dagegen, weil sie nicht vor der Gesellschaft als Versager und Minderleister dastehen wollen.

      Liebe Grüße und bewahr dir deinen Humor!
      Mischa

      • Hallo Dieter und Mischa,

        mir fällt spontan Nadine Hagen ein. Sie hat sich als alleinerziehende Mutter von 2 kleinen Kindern selbständig gemacht und lebt jetzt auf Teneriffa ihren Traum.
        Leicht ist es sicher nicht, aber auch nicht unmöglich.
        Herzliche Grüße,
        Sabine

  14. Hallo Mischa,

    vielen Dank für Deinen Kommentar mit rhetorischer Fragestellung inbegriffen.
    Ich für meinen Teil habe meine Situation durch einen Job- und Wohnortwechsel verändert. Ich bin, nach einem knappen halben Jahr „Auszeit“ inkl. 3 Monaten Krankenhausaufenthalt, aber erst wieder in meinen alten Job zurück. Mag sein, dass ich schief angeschaut wurde, aber das war mir recht gleich. Ich war Lehrerin, habe allerdings nie auf Lehramt studiert, weil ich nie Lehrerin werden wollte, sondern bin da durch meine Tätigkeit in der Erwachsenenbildung parallel zum Studium „so reingerutscht“. Um mich intern in eine andere Richtung zu bewegen, habe ich umfangreiche Zusatzaufgaben übernommen und nicht selbst darauf geachtet, dass 100% eben schon 100% sind und auch mein Tag nur 24 Stunden hat. Noch weniger habe ich mich für mich selbst eingesetzt, dass ich bei Zusatzaufgaben weniger vom alltäglichen Arbeitspensum schaffe kann und muss oder gar einen zeitlichen Ausgleich ausgleich erhalte (bei 2 Stunden mehr von neuer Aufgabe X eben 2 Stunden weniger von alter Aufgabe y). Zwar was das alles abgesprochen und schriftlich fixiert, aber durchgesetzt habe ich mich nie. Außerdem wollte ich mir selbst nicht eingestehen, dass ich mir ein zu großes Pensum an Land gezogen hatte und viel wichtiger war, dass ich doch die neuen Aufgaben schaffe, um die Richtung zu wechseln. Ich hatte mir erhofft, dies sei intern leichter als mit einem kompletten Jobwechsel und ohne Erfahrung im neuen Bereich. Leider kam es nie zum Wechsel in den neuen Bereich und so kehrte ich nach meiner Krankheit zur Lehrertätigkeit zurück. Nach 8wöchiger Wiedereingliederung und vier weiteren Woche, glaubte ich, kein halbes Jahr weiter durchzuhalten. Mein Glück waren die anschließenden 2 Wochen Urlaub, um mich etwas zu erholen. Mit Beginn des neuen Schuljahres merkte ich jedoch zusehends, wie sehr mir das Unterrichten doch Spaß macht, bekam wieder so viel positive Rückmeldung von Schülern und bemerkte wie gering der – vor allem zeitliche – Anteil dessen ist, was mich permanent nach wie vor frustrierte. Leider war da Quantität und Qualität überhaupt nicht im Einklang, die Frustration war so deutlich höher, keine 8 Unterrichtsstunden (pro Tag) konnte aufwiegen, was eine Stunde Dienstberatung (maximal pro Monat) hervorbrachte.

    Ich hatte Glück, was meine Bewerbung angeht und mache nun einen Assitenzjob. Immer noch im Angestelltenverhältnis, ich war zu Studienzeiten selbstständig und habe für mich entschieden, dass dies nicht meine Form ist, in der ich eben von Kunden und Aufträgen abhängig fühlen will und nachts kein Auge zubekäme. Außerdem arbeite ich nicht mehr Vollzeit (offiziell damals 40 Stunden… über die Auszahlung meiner Überstunden habe ich mich trotz Abzüge sehr gefreut), sondern Teilzeit. Und obendrein habe ich auch komplett die Branche gewechselt und bin jetzt im Automobilzuliefererbereich. Mein Chef ist die Crème de la crème und die Firma ist sehr klein, so klein, dass er sich um alle kümmern kann.
    Ich glaube, die Kombination ist es, die es mir gerade ermöglicht, in einer neuen Region noch ohne neue Wohnung(, meine alte 550km von hier weg ist noch nicht leer, muss es aber in einem Monat sein…) zurecht zu kommen. Ich werde ab Januar mehr Stunden arbeiten, aber genau die geringe Stundenzahl hat es mir ermöglicht, nicht wegen eigener Ansprüche wieder voll aufzugschlagen. Ich konnte mich langsam an neue Aufgaben gewöhnen, mir wurde Verständnis für mein nicht vorhandenes Fachwissen entgegengebracht und Geduld. Das alles hat mir geholfen, mit meinen eigenen Ansprüchen an mich selbst fertig zu werden. Außerdem ist die Assistenzstelle mit einer überschaubaren Verantwortung und einer ebenso überschaubaren Menge an Aufgaben gesegnet. So kann ich Step by Step sowohl Quantität als auch Qualität (Anspruch und Verantwortung) steigern, was ich auch will, weil ich weiß, dass mich eine solche Stelle auf lange Sicht unterfordert. Aber es ist ein kleiner Einstieg und ich kann wachsen.
    Mittlerweile glaube ich, dass ich durchaus auch meinen Lehrerjob geschafft hätte und vermisse das Unterrichten jetzt schon. Aber in der alten Firma wäre ich nie glücklich geworden, denn meinem Anspruch an Lehre und Vorbildfunktion, Zusammenarbeit, Führungsstil, etc. konnte dort nicht entsprochen werden. Ich habe das wohl versucht zu kompensieren und weiß natürlich heute, dass die völlig außerhalb meiner persönlichen Möglichkeiten liegt. Ich hatte also nicht nur zu hohe Ansprüche an mich, sondern auch an andere.
    Für mich ist der aktuelle Berufsweg glaube ich wohl der richtige, auch wenn mir von ärztlicher Seite davon abgeraten wurde, allein so weit wegzugehen, besonders nach so einer kritischen Phase einer schweren Depression. Und natürlich vermisse ich meinen großen, stabilen Freundeskreis, aber mir geht es gut und ich weiß, wenn es mir nicht gefällt, kann ich es immer ändern. Einer der Gedanken, die mich am meisten aufbauen.
    Für meine Leidenschaft des Unterrichtens werde ich mich wenn dann wohl ehrenamtlich engagieren, wenn alles anderen ist, wie es sein soll.
    Ich schätze, es ist eine sehr schwierige Frage, wie ein berufliche (Wieder-)Einstieg funktionieren kann. Ob es dasselbe Aufgabengebiet, dasselbe Pensum oder dasselbe Arbeitsverhältnis (angestellt/freiberuflich) sein soll oder kann, sollte jeder wohl vorsichtig für sich testen.
    Als Fazit war es für mich selbst wichtig und richtig, an meine Ausgangsstelle zurückzukehren. So konnte ich sehen, dass ich falsch lag, als ich glaubte, ich würde es nicht schaffen. Die ersten Monate des Schuljahres waren wunderbar (Unterricht) und ich habe aus eigenem Antrieb „trotzdem“, obwohl ich wusste, ich könnte es schaffen, entschieden zu gehen. So weiß ich, dass es keine Flucht aus Angst vor Konfrontation war, sondern ganz einfach die Entscheidung: Ich möchte an diesem Ort nicht sein, deshalb verlasse ich ihn jetzt. Und das gibt mir Antrieb und Selbstvertrauen, Optimismus und Mut, Dinge, die ich vor einem Jahr nicht mehr kannte.
    Viele Grüße,
    Caro

    • Hi Caro,

      ganz lieben Dank für deine offenen Worte und den ausführlichen Kommentar. Ich finde es klasse, dass du den für dich passenden Weg gefunden hast und das Unternehmen auch noch dazu passt.

      Lass es langsam angehen, gib dir Zeit und schraub deine Ansprüche an dich nicht zu schnell wieder hoch.

      Liebe Grüße und alles Gute auf deinem Weg
      Mischa

  15. Hallo Micha

    Vielen Dank für diesen starken Beitrag, der mir ziemlich aus dem Herzen spricht.

    Bei einem Detail stimme ich jedoch nicht mit dir überein. Du schreibst: „Aus meiner Sicht leben wir in einer kranken Arbeitswelt, in der nur noch Leistung, Effizienz, Druck und Arbeiten bis zur Selbstaufgabe zählen und in der die Menschlichkeit gern an der Garderobe abgegeben wird.“ Meiner Erfahrung nach zählt die Leistung nicht, bzw. nicht in hohem Maße. All die Sensiblen, die ich kenne und die aus dem Arbeitsprozess heraus gefallen sind, sind i. d. R. höchst leistungsfähig und -willig. Sie erbringen auch Leistung. Es liegt an den Arbeitsbedingungen (Zeitdruck, Dynamik, Unruhe, ständig wechselnde Geschäftsstrategien) und an dem Miteinander (Mobbing, Grabenkämpfe, Hinterfotzigkeiten), die sie scheitern lässt. Und viele Karrieristen haben dagegen inhaltlich nicht viel auf dem Kasten, leisten in diesem Sinne nicht viel, aber sie können sich halt besser verkaufen und darstellen, bzw. nutzen jede Möglichkeit für ihre Vorteile ohne sich kollegial zu verhalten.

    Manchmal frage ich mich, ob wir Angsthasen, Sensiblen, Freigeister, Introvertierten, Hochsensiblen und Depressiven nicht eine Unternehmung gründen sollten, in der nach anderen Maßstäben gewirtschaftet wird. Und ich frage mich, ob diese Unternehmung erfolgreich sein würde.

    Dann habe ich noch eine Frage. Du schreibst: „Denn laut Statistiken arbeiten nur 10 Prozent aller Menschen, die schon einmal wegen einer schweren psychischen Erkrankung länger ausgefallen sind, noch in regulären Jobs Voll- oder Teilzeit.“ Magst du deine Quelle verraten? Ich finde das eine hochinteressante Aussage.

    Viele Grüße

    Marianne

  16. Hi Marianne,

    danke für deinen Kommentar! Du hast das Thema Leistung noch besser herausgearbeitet, als ich es in dem Text getan habe. Ich stimme dir in der Schilderung absolut zu und hatte sofort wieder einige Ex-Kollegen vor Augen 😉

    Wie so eine Firma aussehen würde? Keine Ahnung, aber ein Versuch wäre es wert. Die Statistik habe ich übrigens aus diesem Artikel: http://www.gesundheitsstadt-berlin.de/psychisch-kranke-haben-auf-dem-ersten-arbeitsmarkt-kaum-eine-chance-2823/

    Liebe Grüße
    Mischa

  17. Hallo Mischa!

    Ich habe gerade eine Auszeit von 2 Jahren hinter mir, aus vielen von Dir genannten Gründen.

    Trotzdem habe ich mich für einen Wiedereinstieg entschieden, weil ich einfach nicht den Mut habe, mich selbstständig zu machen. Teil davon ist der 2. Grund von meinem langen Krankenstand.

    Sehr froh bin ich, dass ich bei meinem alten Arbeitgeber die Chance bekomme, es gibt ein Wiedereingliederungsmanagement und ich arbeite derzeit nur 15 Stunden pro Woche. Das kann ich auch noch einige Zeit beibehalten.

    Nachdem ich 1 Jahr im Krankenstand war, habe ich wieder zu arbeiten begonnen, allerdings nur 8 Wochen, danach musste ich – aus einem anderen Grund – wieder in Krankenstand gehen. Erkannt habe ich, dass ich im ersten Jahr noch zu wenig gelernt habe.

    Vielleicht liegt es auch daran, dass es so wenig Wiedereinsteiger gibt, dass man dazu neigt, wieder gleich weiter zu machen wie bisher.

    Das weiß ich nun, dass das nicht geht und mache es jetzt ganz anders. Trotzdem ich an die schwere Zeit Anfang des Jahres nicht gerne zurück denke, bin ich froh, dass ich diese Chance bekommen habe, es noch einmal ganz anders zu versuchen.

    lg
    Maria

    • Hi Maria,

      dann wünsche ich dir, dass es diesmal besser klappt und dass du gut auf dich aufpasst. Weil egal ob Angestellter oder Selbstständiger: Es liegt auch an uns selbst, wie viel wir von uns aufgeben oder ob wir auch mal die Bremse reinhauen.

      Alles Gute weiter auf deinem Weg!
      LG
      Mischa

  18. Ich bin auch eine der wenigen, die wohl Spaß an ihrem Job hat. 😉 Und sich nicht selbstständig machen und auch keine digitale Nomadin werden möchte. 🙂

    Ich habe allerdings auch festgestellt, dass die Arbeitswelt in den letzten Jahren immer rauer geworden ist, genauso wie die Gesellschaft im allgemeinen.

    Und so hat es mich leider in den letzten Jahren auch „erwischt“. Ein Arbeitgeber, der genau solche frustrierten und gleichgültigen Menschen „produziert“. Und am Ende Panikattacken, die dem wohl irgendwie auch geschuldet waren. Aber was ich all den Frustrierten und Gleichgültigen da draußen mitgeben möchte, ist, dass wir auch in einem nicht so tollen Umfeld immer die Wahl zwischen „sich von diesem öden Gefühl treiben lassen“ und „trotzdem das Gute daran sehen“ haben.

    Es zwingt mich ja keiner, ebenfalls frustriert und gleichgültig zu sein. Ich kann den Unterschied machen und trotz oder vielleicht sogar wegen meiner Feinfühligkeit und Sensibilität ein Gegenbeispiel sein. Ich muss ja nicht gleich die komplette Firma umkrempeln, sondern kann im Kleinen anfangen, und trotzdem meinen Platz finden. Und dazu gehört dann eben auch, Grenzen zu setzen und ja auch Nein zu sagen. Kann ich nämlich auch in meinem Angestelltendasein. Warum auch nicht. Es kommt nur darauf an, wie ich das Nein verpacke.

    Ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass ich mir auch in einem kranken Umfeld ein gutes Leben machen kann und dafür mich nicht selbstständig machen muss.

    Jeder, wie er mag und kann. 🙂

    Ich mag deine Schreibe sehr, nur mal so nebenbei bemerkt. 😉 Und auch deinen Blog verfolge ich schon eine Weile. Er ist bestimmt für viele, die auch aussteigen möchten, eine tolle Inspiration.

    • Hi Daniela,

      danke für deinen Kommentar und die Blumen 😉

      Grundsätzlich kann bestimmt jeder auch unter schwierigen Bedingungen in der Arbeitswelt glücklich sein, wenn er/sie die entsprechende innere Einstellung mitbringt. Abgrenzen und nicht jeden Scheiß mitmachen ist sicher ein ganz wichtiger Punkt. Nur wirst du immer wieder an die Stelle kommen, wo von dir Loyalität gefragt ist, obwohl du Menschlichkeit zeigen willst. Und wer lehnt sich dann gegen sein Chefs auf?

      Behalte deinen Spaß am Job – das ist das Wichtigste! Dass jeder für sich den richtigen Weg finden muss, sehe ich ganz genauso.

      Liebe Grüße
      Mischa

  19. Hallo Mischa,

    Auch ich kann dem Ganzen nicht so wirklich zustimmen. Ich bin noch im Prozess der Genesung – bin seit etwa 3 Jahren erkrankt und bestimmte Umstände machen es schwierig für mich, »schnell« mal eben therapiert zu werden.
    Ich komme aus freischaffenden/ selbständigen Berufen – habe nie etwas anderes gemacht – bei denen es einfach keine Festanstellungen mehr gibt und die auch nicht sonderlich gut vergütet werden. Spaß haben sie mir gemacht, aber das hat mich nicht davon abgehalten, durch den ganzen Stress und Druck zusammen zu brechen. Damit ich überhaupt davon leben konnte, musste ich gleich drei Jobs annehmen und war bis zu 16 Stunden täglich unterwegs. Dazu kam der immense Druck, den man sich selbst macht: Immer möglichst 150% geben, damit man alle Auftraggeber zufrieden stellt und auch weiterhin Aufträge erhält. Bei einem Job, dem einem richtig Spaß macht, ist das sogar noch viel gefährlicher, denn da fällt der Leistungsdruck noch nicht einmal besonders auf. Sich selbst Auszeiten einzuteilen geht auch in der Selbständigkeit nicht besonders gut, denn schließlich verdient man während der Pause auch kein Geld. (Bezahlter Urlaub? Pah! Gar kein Urlaub ist eher angesagt.) Als Selbständiger hast Du deutlich mehr Ausgaben geschäftlicher Natur, kannst also auch nicht immer einfach mal so »blau« machen. Und die Arbeitszeiten? Schau Dir mal die Leute an, die von ihren Blogs und digitalen Produkten gut leben können. Wie lange arbeiten die täglich? 10 – 14 Stunden.
    Zugegeben, ich könnte gar nicht in einen festen 9 – 5 Job – das wäre mir zu monoton. Aber die Selbständigkeit ist bei weitem nicht so leicht, wie man immer denkt. Ich suche noch immer nach Möglichkeiten und Geschäftsideen, die es mir ermöglichen, nur wenige Stunden die Woche zu arbeiten und dennoch ein passables Auskommen zu haben. Viel Geld muss es gar nicht sein, wüsste damit eh nichts anzufangen 😀 Aber so einfach geht das wohl nicht…
    Viele Grüße,
    Mirko

    • Hallo Mirko,

      mir ging es in dem Artikel gar nicht um Zustimmung oder um Ablehnung. Ich stelle nur ein Modell vor, dass für mich funktioniert, ohne zu behaupten, dass Selbstständigkeit für jeden gut oder tragfähig ist.

      Ich bin bei deinem Kommentar ein bisschen stutzig geworden: Von welchen Stundenlöhnen reden wir denn, wenn du 16 Stunden arbeiten musst, um über die Runden zu kommen? Ich persönlich habe meinen Stundenlohn von Anfang an so festgelegt, dass er meinem Wert und damit auch Selbstwert entspricht – und der wird mir auch bezahlt. Ich spreche hier nicht vom Blogbusiness, sondern von der freiberuflichen Arbeit als Texter, Journalist und Lektor.

      Und wer hat je behauptet, dass Selbstständigkeit leicht ist? Es ist doch eher so, dass es sich die Leute nicht trauen, weil es aus ihrer Sicht zu schwer ist. Ich bin da in der Mitte: Es ist mit ordentlich Aufwand verbunden, aber in der Summe viel leichter, als ich es mir vorgestellt hatte. Vielleicht liegt das auch an dem 100-prozentigen Vertrauen, das ich von Beginn an in mich und meine neue Aufgabe hatte.

      Ich wünsche dir weiter gute Genesung und dass du doch irgendwann den passenden Weg für dich findest.

      Viele Grüße

      Mischa

      • Hi Mischa,
        Danke für Deine Antwort. Dann werde ich das mal »aufklären«: Ich bin studierter Musikpädagoge und hab dann irgendwann noch den weg in den (Online-)Journalismus gefunden. Beide Berufe lassen sich nur noch selbständig ausüben, weil die Festanstellungen immer weiter abgebaut werden (und man faktisch keine mehr bekommt). In den meisten Musikschulen wirst Du nach Unterrichtsstunde bezahlt, ausgenommen Fehlstunden der Schüler und Ferien. Umgerechnet sind das im Schnitt 20 – 30 Euro/ Stunde, allerdings ja nicht ganzjährig, weil viele Ferien dazwischen liegen.
        Als Journalist wird man (wie Du ja sicher weißt) selten nach Stunde, sondern eher nach Wort (oder im Print nach Zeile) bezahlt. Und gerade online und in meinen Ressorts ist das weit im Keller. Als Texter/ Journalist wirst Du das ja wissen, dass es oft Aufträge unter 2 Cent/ Wort gibt. Meine unterste Grenze waren 6 Cent, mein Bestwert 12 (was schon richtig gut ist, war aber dafür weniger umfangreich).
        Und zu guter Letzt: 16 Stunden sind natürlich keine reine Arbeitszeit. Wenn man aber mehrere Jobs an unterschiedlichen Orten einer Großstadt annimmt, kommt die Fahrtzeit zwischen den Jobs noch hinzu – zumal manchmal sogar noch sehr knapp.
        Liebe Grüße,
        Mirko

        • Hi Mirko,

          danke für die schnelle Antwort! Oh, ja ich kenne die Hungerlöhne, die gerade bei vielen Aufträgen im Netz vergeben werden. Und natürlich auch die lächerlichen Honorare von Zeitungen. Deshalb habe ich mich bewusst auf a) lokale/regionale Firmen und b) auf mein stetig zunehmendes Netzwerk gestürzt und bin gut damit gefahren. Besser gesagt staune ich sogar täglich, wie viel Bedarf an (guten) Texten vorhanden ist und wie schnell sich die eigene gute Leistung herumspricht 🙂

          Bei dir sehe ich Riesenpotenzial für Online-Kurse, in denen du den Menschen das Spielen auf den Musikinstrumenten beibringst: Du kannst unterrichten, kennst dich mit der Technik aus und kannst gut schreiben. Hast du das schon mal probiert?

          LG
          Mischa

          • Hi Mischa,
            Ich hab ja auch schon für höhere Beträge (z.B. 30 Cent/ Wort) geschrieben. Allerdings waren es zumeist Werbe- und Pressetexte. Und diese Werbesprache liegt mir nicht – da bin ich wohl zu »ehrlich« 🙂
            Auf die Idee bin ich auch schon gekommen. Reine Online-Musikschulen laufen allerdings nicht gut genug für den riesigen Aufwand. Ich habe mal ein Musiker-Magazin begonnen mit entsprechenden Tutorials – das ging auch ganz gut. Aber dafür brauchst Du eine ganze Redaktion und dementsprechend ein ordentliches Startkapital. Bootstrapping macht da einfach kein Sinn. Am Ende hab ich die Webseite wieder verkauft.
            Liebe Grüße,
            Mirko

  20. arbeit macht krank, man ist sklave des arbeitgebers. er entscheidet über arbeitnehmers leben.
    du arbeitest dann und dann, dann darfst du urlaub nehmen, dann nicht.
    wenn man krank ist … “ wann gedenken sie wieder arbeiten zu kommen“
    arbeit ist zwang. arbeit wie wir sie heute kennen gabs früher nicht. naturvölker arbeiten am tag max. 4 stunden, und kennen keine depressionen.
    ich mache es wie die naturvölker, arbeite aufs jahr durchschnittlich gesehen am tag nur 4 stunden.
    kleingewerbe bis max. 17500 euro umsatz, gewinn entsprechend klein. damit decke ich meine grundbedürfnisse, essen, trinken, wohnung und n kleinen urlaub in den bergen. fertig.
    täte ich mehr verdienen, stiegen steuern, sv kosten und das was letztendlich mehr ist als gewinn würde wahrscheinlich sinnlos in den konsum fliessen, dazu ist mir die zeit zu wertvoll. und ich beschränke arbeit auf ein minimum, um zeit zum leben zu haben.
    übrigens, ich glaube nietsche sprach mal sinngemäss …. wer weniger als 8 stunden zeit am tag nur für sich hat, ist ein sklave.

    • Hi Frank,

      ich finde das super spannend und klasse, dass du für dich den Königsweg gefunden hast und einfach mit dem zufrieden bist, was du hast. Letztlich ist die Sklavenhaltung in den Betrieben ja oft nur möglich, weil wir glauben immer mehr und mehr verdienen und konsumieren zu müssen.

      Ich bin aktuell zwar über den 4 Stunden am Tag, aber langfristig gesehen ist so etwas Ähnliches auch für mich erstrebenswert. Denn es gibt so viele wunderbare Dinge, die man fern des Rechners erleben kann 🙂

      Liebe Grüße

      Mischa

  21. Pingback: Von Katzen und absurden Packlisten: Jahresrückblick 2015

  22. Sehr interessanter Blogpost!

    Ich bin Anfang 20 und habe vor zwei Jahren meine Ausbildung zur Erzieherin beendet. Derzeit arbeite ich Vollzeit. Ich mag meine Kollegen und mein Arbeitgeber (Kita-Träger) ist auch im Vergleich zu den restlichen in meiner Stadt noch einer der „guten“ und ich kann mich wirklich glücklich schätzen. Momentan geht es mir also sehr gut. Allerdings ist der Job der Erzieherin trotzdem sehr stressig und die Arbeitsbedigungen (Personalmangel, usw.) sehr schwer. Ich kann es so kurz nach meiner Ausbildung noch ganz gut verkraften, doch kann mir vorstellen, dass das in einigen Jahren nicht mehr der Fall sein wird, wenn ich nicht schon vorher etwas für mich tue..

    Ich habe mich nun dafür entschieden im nächsten Kita-Jahr von Vollzeit auf Teilzeit zu gehen. Ich habe das gemacht, weil ich denke, dass es wichtiger ist Zeit für sich selbst, Sport und soziale Kontakte zu haben, als Geld. Ich bin auch deshalb ganz bewusst nach meiner Ausbildung nicht in eine größere Wohnung gezogen (obwohl ich dann mehr verdiente), da sich ein geringerer Lebensstandard leichter halten lässt und mich es stressen würde, immer diese Existenzängste haben zu müssen.

    Was mich jetzt allerdings ein wenig traurig stimmt, ist die Tatsache, dass ich von meinem privaten Umfeld immer wieder gesagt bekomme, dass meine Entscheidung falsch ist. Mir wird vorgeworfen, dass ich zu faul wäre um Vollzeit zu arbeiten und außerdem auch kaum was in die Rentenkasse einzahle – wo doch Erzieher sowieso wenig verdienen.

    Wie siehst du das?

    Ich sehe mich nicht als faul. Ich möchte nur nicht in 10 Jahren das Handtuch schmeißen, weil ich mich völlig überarbeitet fühle. Ich denke, dass man nicht früh genug damit anfangen kann vorzubeugen.
    Ich verstehe meine Freunde, dass sie Vollzeit arbeiten „müssen“, weil sie viel Kram an der Backe haben: Autokredit, große Wohnung, etc. pp. – … aber ICH besitze bewusst kein Auto (nichtmal einen Führerschein), wohne in einer 1-Zimmer Wohnung und habe zwecks Rente noch eine zusätzliche Versicherung abgeschlossen. Natürlich muss ich dann bald mehr nach dem Geld schauen als meine Freunde, aber dafür habe ich auch wesentlich mehr Lebensqualität und mache es gerne.

    Ich weiß nicht, ob du folgen konntest… aber wie siehst du das, Mischa?
    Siehst du das auch so, dass es nichts mit Faulheit zu tun hat, wenn man so kurz nach der Ausbildung bereits in Teilzeit wechselt um es erst gar nicht soweit kommen zu lassen… auch wenn es einem aktuell noch gut geht?

    Mich belastet das ehrlich gesagt ein wenig mich immer rechtfertigen zu „müssen“.
    Ich habe einen Reizdarm und reagiere sehr auf Stress u.ä. und glaube, dass mir das auf lange Sicht sicher helfen wird weniger zu arbeiten…

    Viele Grüße

    • Hallo Inna,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Und vor allem ganz fetten Respekt vor deiner Herangehensweise ans Leben! Wirklich grandios, dass du in deinen jungen Jahren schon genau weißt, was du willst und wie du das willst.

      Aus meiner Sicht machst du für dich alles richtig. Dass es für andere als falsch wirkt, liegt nicht an dir, sondern daran, dass du mit deinem Modell aus der Rolle fällst. Und das wollen die anderen Menschen nicht. Sie wollen am liebsten, dass alle dasselbe monotone Leben führen, das für uns in unserer Gesellschaft vorgesehen ist. Und wenn du ausbrichst aus diesem Modell, dann bekommen die anderen Angst. Sie fragen sich: „Könnte das vielleicht richtig sein, sich nicht nur für immer mehr Kohle aufzuarbeiten?“ Aber die Antwort darauf lassen sie nicht zu, weil sie zu unbequem wäre. Lieber greifen sie dich an und versuchen dich wieder „normal“ zu machen.

      Auf diese einfache Art lässt sich das beschreiben und auf viele Dinge des Lebens anwenden, in denen du nicht das machst, was die Masse macht. Weiß du, was das Schöne ist? Du musst dich nicht mit diesen Menschen abgeben. Da draußen gibt es genug andere, die so ticken wie du. Umgib dich konsequent mit diesen anderen „Spinnern“ und du merkst, dass du alles richtig machst.

      Ganz liebe Grüße vom Oberspinner
      Mischa

  23. Oha, die Resonanz ist groß. 🙂 Das Thema ist riesig. Mein Thema seit Teenie-Tagen. Bis Anfang, Mitte 30 habe ich mich immer „so durchgemogelt“. Viele Schul-/ Ausbildungs-/Arbeitslos+Jobben-Zeiten. Bis 30 viele Depressionen, die Gewissheit, nicht dem Belastbarkeitsmaß und dem Mundtod des gewünschten Arbeitnehmers zu entsprechen. Elternhaus leistungsorientiert und – depressiv. Dafür gab es das Eigenheimzuhause, die Motorräder, Autos, Garten, Urlaube. Und mich, das schwarze Schaf. Vier Jahre habe ich jetzt geschafft, mich als gesellschaftlich akzeptierten Teil zu integrieren, Vater annähernd stolz zu machen, mich zu beweisen und für einen Armutslohn zig kranke Menschen auf Akkord zu bespaßen, mir emphatisch wie ich bin, Energie absaugen zu lassen, als Ergo-Therapeutin, Putzfrau, Masseurin (gleichzeitig in allen Gassen) zu zeigen, wo ich so nie hinkommen werde. Die paar Penunzen zusammengehalten und böse Kredite ( Knebel, die noch mehr Arbeit bedeuten) wenigstens konstruktiv genutzt, um in meine Yoga- Ausbildung, Entspannungscoach (:-D) u.w.zu investieren. Die offene Summe für meinen Dad steht noch aus. Sonst würde ich heute noch auf Karton schlafen. Hallo??! Nun, nach erheblichem Arschaufriss und dem Gefühl, mit der Tür in die Arbeit jedesmal die Tür ins Burnout zu öffnen, kokketierte ich schlussletzendlich mit der Diagnose,…meine persönliche kleine Feldstudie und Provokation, schmiss gerade erst alle Jobs, vertraue, entwickle Visionen, enttäusche meine armen Eltern einmal mehr und schaue, wohin es mich bringt. Glaubenssätze und Ängste sitzen tief, aber mein bestes Abschreckungsbeispiel ist der Stamm, von dem ich fiel. Mein Vater aktuell mit zarten 58 verbraucht, verbittert, ernsthaft krank, weil die Idee, „wenn ich dieses und jenes geleistet habe, kann ich endlich glücklich sein“ nicht aufging und meine Selbstliebe groß genug ist, meinem sensiblen Gemüt Gehör zu schenken.

    • Hi Nadine,

      danke für deine offenen Worte! Sie sind ein super Beweis dafür, dass wir nur einem einzigen Menschen im Leben etwas beweisen müssen: Uns selbst. Und zwar, ob wir uns trauen, unser Leben zu leben oder nicht.

      Dir alles Gute!
      Mischa

  24. Hallo Mischa,
    in ganz vielen Teilen deines Artikels finde ich mich wieder. Befinde mich in einer depressiven Episode und habe noch keine Ahnung wie es weitergehen kann. Zurück in den alten Job wäre für mich die schlechteste Alternative. Das würde bedeuten, so weitermachen wie bisher und irgendwann wieder eine depressive Episode? Nein, dass möchte ich auf keinen Fall. Dann lieber mit Weniger durch ein erfüllteres Leben gehen. Doch die Zukunft macht mir zur Zeit noch Angst. Aber am Ende wird hoffentlich alles gut.
    Liebe Grüße Ute

    • Hi Ute,
      ich sehe es so: Wenn du sicher bist, dass alles gut wird, dann wird auch alles gut werden. Dann hast du nämlich keine Angst, strahlst genau das aus und erreichst die Dinge, die du willst. Insofern finde ich deinen Ansatz erst einmal den Fokus auf dich und deine Bedürfnisse zu richten, sehr gut. Und aus diesem guten Gefühl heraus (und nicht aus dem Mangel) wirst du sehen, wie plötzlich Türen aufgehen, von denen du vorher gar nicht wusstest, dass es sie überhaupt gibt.

      Liebe Grüße und alles Gute
      Mischa

  25. Hey Mischa,

    ich bin über meine Mama auf deinen Blog gestoßen und muss sagen, dass ich äußerst begeistert bin. Als junge Frau, welche selbst schon Erfahrungen mit Depressionen und Co. gemacht hat, finde ich es toll wie deine Texte anregen, dass eigene Leben in die Hand zu nehmen. Ich hab dich auch direkt in meinem letzten Post gefeatured.

    Eine treue Leserin hast du mehr.

    Liebst und tausend Dank,

    Madlén Bohéme

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